{"id":67,"date":"2015-11-08T10:16:45","date_gmt":"2015-11-08T10:16:45","guid":{"rendered":"http:\/\/torsten-kuehne.de\/?p=67"},"modified":"2016-03-27T10:56:04","modified_gmt":"2016-03-27T10:56:04","slug":"rede-fuer-ein-weltoffenes-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/torsten-kuehne.de\/?p=67","title":{"rendered":"Rede \u201eF\u00fcr ein weltoffenes Berlin&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Rede auf der Veranstaltung \u201eF\u00fcr ein weltoffenes Berlin&#8220;\u00a0auf dem Platz des 18. M\u00e4rz vor dem Brandenburger Tor\u00a0am 7. November 2015:<\/p>\n<blockquote><p>Liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger!<\/p>\n<p>Wir wollen hier und heute ein Zeichen setzen. Deutlich und un\u00fcbersehbar. F\u00fcr Menschlichkeit und Toleranz. F\u00fcr ein weltoffenes Berlin. Darum ist es gut, dass wir alle so zahlreich gekommen sind.<\/p>\n<p>Wir stehen hier gemeinsam \u2013 davon bin ich fest \u00fcberzeugt &#8211; f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner und aller, die friedlich und in gegenseitigem Respekt in Berlin leben wollen. Es geht heute nicht um Forderungen einer bestimmten Interessengruppe an die Repr\u00e4sentanten dieser Stadt. Wir wollen heute als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ein Zeichen f\u00fcr uns selber, ein Zeichen f\u00fcr unser Berlin, setzen. Ein Zeichen aber auch f\u00fcr alle Freunde Berlins in der Welt, die sich &#8211; wie wir &#8211; Sorgen machen \u00fcber Verzagtheit, Angst, Hass und teilweise Gewalt im Zusammenhang mit gefl\u00fcchteten Menschen in unserer Stadt machen.<\/p>\n<p>Wir stehen heute am 7. November hier vor dem Brandenburger Tor. Dieses Tor steht f\u00fcr viele Stunden in unserer Geschichte, f\u00fcr dunkle und f\u00fcr helle. Und \u00fcbermorgen j\u00e4hrt sich mit dem 9. November ein ebenso vielschichtiges Datum unserer Geschichte. Beide erinnern uns alle daran, dass unsere Gesellschaft mit aller Macht die Freiheit, die Unverletzlichkeit und die W\u00fcrde eines jeden Menschen sichern muss. Und das sie darauf angewiesen ist, dass wir uns als B\u00fcrger engagieren. Beide zeigen uns aber auch, dass Freiheit, Toleranz und Menschenw\u00fcrde st\u00e4rker als Ausgrenzung, Unterdr\u00fcckung, Hass und Gewalt sind. Seit den Tagen der friedlichen Revolution 1989\/90 ist dieser Ort zu einem Platz f\u00fcr B\u00fcrgermut und Weltoffenheit geworden, zu einem Symbol f\u00fcr das neue, moderne, weltoffene Berlin \u2013 und das soll er auch bleiben.<\/p>\n<p>Das Brandenburger Tor steht auch f\u00fcr die innere Einheit Deutschlands. Einigkeit und Recht und Freiheit \u2013 diese Grundwerte unseres Landes k\u00f6nnen im Alltag immer wieder nur aufs Neue erwachsen, wenn wir in Respekt vor denselben Grund\u00fcberzeugungen friedlich miteinander leben wollen. Nun wo viele Fl\u00fcchtlinge angesichts von Krieg, Gewalt und existenzieller Not nach Europa, nach Deutschland und auch nach Berlin kommen, m\u00fcssen wir den gesellschaftlichen Zusammenhang und unsere innere Einheit wahren und verteidigen.<\/p>\n<p>Angst und Verzagtheit sind dabei schlechte Ratgeber. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zeugen nur von eigener Schw\u00e4che. Angst l\u00e4hmt den Erfindergeist, den Mut zum Anpacken, die Hoffnung, mit den Problemen fertigzuwerden. Angst verf\u00fchrt zu dem Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle. Eine von \u00c4ngsten erf\u00fcllte Gesellschaft wird unf\u00e4hig zu Ver\u00e4nderungen und damit zur Gestaltung der Zukunft. Unser deutsches Wort &#8222;Angst&#8220; ist als Symbol dieser Befindlichkeit in den Sprachschatz der Amerikaner und Franzosen eingeflossen. Ich w\u00fcnsche mir, dass die deutschen W\u00f6rter &#8222;Mut&#8220; oder &#8222;Selbstvertrauen&#8220; ebenfalls als Symbole in andere Sprache einflie\u00dfen.<\/p>\n<p>In dieser Zeit kommt den gesellschaftlichen Vorbildern und politischen Repr\u00e4sentanten eine ganz besondere Bedeutung zu. In einer Zeit, in der die Menschen durch die gro\u00dfen Umbr\u00fcche ohnehin verunsichert sind. In einer Zeit, in der der Verlust von eigenem Erfahrungswissen durch \u00e4u\u00dfere Orientierung ersetzt wird. In dieser Zeit sind Zur\u00fcckhaltung und Vorsicht gefordert: auch Worte k\u00f6nnen verletzen und Gemeinschaft zerst\u00f6ren. Respekt und Anstand beginnen mit der Sprache. Gewaltsame Worte k\u00f6nnen auch gewaltsame Taten hervorrufen. Alle, deren Stimme in der \u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt wird, m\u00fcssen achten auf das, was sie sagen. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass Diskussionen bei uns bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden &#8211; teils ideologisiert, teils einfach &#8222;idiotisiert&#8220; werden.<\/p>\n<p>Ganz gewiss m\u00fcssen wir vor allem als Politiker die Sorgen und \u00c4ngste der Menschen ernst nehmen. Wir m\u00fcssen auch die Folgen der gegenw\u00e4rtigen Notaufnahme von Fl\u00fcchtlingen offen und ehrlich ansprechen. Ja, die Situation in der Stadt hat sich ver\u00e4ndert: Turnhallen stehen f\u00fcr den Schulsport nicht zur Verf\u00fcgung; Gr\u00fcnanlagen und \u00f6ffentliche Einrichtungen verwandeln sich in Notunterk\u00fcnfte. Manche Beschwerde kann ich durchaus nachvollziehen. Aber niemand darf diese Sorgen und \u00c4ngste sch\u00fcren. Angstszenarien d\u00fcrfen wir nicht zulassen. Das k\u00f6nnen wir uns nicht leisten, schon gar nicht in einer Zeit, in der wir mehr denn je auf Gemeinschaft angewiesen sind.<\/p>\n<p>Wir haben in den vergangenen Wochen viel \u00fcber unsere deutsche Gesellschaft gelernt. Die Ruhe und Kreativit\u00e4t, mit der die \u00fcberwiegende Mehrheit der Gesellschaft auf diese Krise reagiert hat, wie schon zuvor auf andere Herausforderungen, das beweist ein gesundes Selbstvertrauen. Wir d\u00fcrfen also darauf vertrauen, dass sie auch kommende Pr\u00fcfungen bestehen wird. Wir d\u00fcrfen uns nicht der Angst in die Arme werfen.<\/p>\n<p>Migration \u2013 ob sie freiwillig oder erzwungen ist \u2013 hat es zu allen Zeiten gegeben. Zu oft genug treibt sie der verzweifelte Wunsch, das eigene Leben zu retten. So sehr wir auch w\u00fcnschten, es w\u00e4re anders: Verfolgung, Krieg und B\u00fcrgerkrieg sind nicht nur Geschichte, nein, sie sind Gegenwart in der globalisierten Welt. In Zeiten von Internet und Smartphone erleben wir die Folgen unmittelbarer und direkter als fr\u00fcher. Wir begreifen langsam, dass wir eigentlich viel intensiver Fluchtursachen bek\u00e4mpfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die aktuellen Aufgaben, das Ausma\u00df dieser Aufgaben, gibt es keine Vorbilder. So sehr wir Sicherheit und Planungstreue gerade in Deutschland erwarten, so sehr wir uns nach einem Gesamtkonzept sehnen, so m\u00fcssen wir doch erkennen: Was jetzt gebraucht wird, sind neben Ordnung auch Flexibilit\u00e4t und Phantasie. Es geht jetzt gemeinsam darum, eine Haltung zu f\u00f6rdern, die nicht sagt, warum etwas nicht geht, sondern fragt, warum es eigentlich nicht doch geht. Warum geht es eigentlich nicht doch, die gegenw\u00e4rtige Herausforderung positiv zu nutzen. Warum geht es eigentlich nicht doch, sie nicht als bedrohlich wahrzunehmen, sondern als Motivation, vielleicht sogar als Bereicherung.<\/p>\n<p>Die Bundeskanzlerin wurde und wird ja gelegentlich f\u00fcr ihre Aussage \u201eWir schaffen das\u201c kritisiert. Doch was w\u00e4re denn die Alternative? Besinnen wir uns doch lieber auf unsere \u2013 viel ger\u00fchmten &#8211; deutschen Tugenden. Schon Immanuel Kant wusste: Ich kann, weil ich will, was ich muss. Die Einsicht in die Notwendigkeit des Faktischen, verbunden mit der moralischen Maxime: Handle so, dass Du wollen kannst, dass Dein Handeln allgemeines Gesetz wird. Wenn wir die Ziele wollen, wollen wir auch die Mittel.<\/p>\n<p>Und so sollten wir heute auch den Mut und das Selbstvertrauen feiern, die uns die hellen Stunden der deutschen Geschichte geschenkt haben. Nutzen wir diese Erinnerungen \u2013 gerade als Berliner &#8211; als Motivation. Konzentrieren wir uns jetzt auf das Machbare, statt uns von Angst oder \u00dcbermut treiben zu lassen.<\/p>\n<p>Die Willkommenskultur gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen war und ist ein starkes Signal gegen Rassismus, Hass und Gewalt. Sie stand und steht f\u00fcr das neue, moderne, offene Deutschland. Sie stand und steht auch f\u00fcr Mut und Selbstvertrauen \u2013 von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern, von Zivilgesellschaft und Staat.<\/p>\n<p>Bei allen Unterschieden zwischen uns hier auf diesem Platz, bei allen politischen Differenzen auch zwischen denen, die zu dieser Demonstration aufgerufen haben:<br \/>\nWir stehen und wir arbeiten gemeinsam f\u00fcr ein weltoffenes Berlin.<br \/>\nWir stehen f\u00fcr ein Berlin, in dem niemand Angst haben muss, ganz gleich, wie er aussieht, ganz gleich, wo er herkommt, ganz gleich, was er glaubt, ganz gleich, wie stark oder wie schwach er ist.<br \/>\nWir stehen f\u00fcr ein Berlin, in dem wir alle zusammen gerne, frei und sicher leben k\u00f6nnen.<br \/>\nWir stehen f\u00fcr ein Berlin, in dem wir ohne Angst verschieden sein k\u00f6nnen.<br \/>\nWir stehen hier heute aus Liebe f\u00fcr unser weltoffenes Berlin.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede auf der Veranstaltung \u201eF\u00fcr ein weltoffenes Berlin&#8220;\u00a0auf dem Platz des 18. 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